Sie sind hier: Kirche Kirchberg Texte Baurat Walbe  
 TEXTE
Geschichte
Spätgotik
Geschichten
Pfarrerverzeichnis
Verhältnisse
Notabilien
Altvorderen
Baurat Walbe
Jahreslauf
 KIRCHE KIRCHBERG
Gemälde
Grafiken
Texte
Broschüre
Renovierung
Fotos
Postkarte
Kalender
Video und Glocken Kirchberg

1925
 

Kirchen, die abseits von den Ortschaften einsam auf wehrhaften Höhen liegen, lassen mit Sicherheit vermuten, dass einst an ihrer Stelle schon heidnischer Kult gepflegt wurde. Es ist, als ob die Weihe eines Ortes Jahrtausende überdauere, als ob selbst der Wechsel der Religionen sie ihm nicht nehmen könne. Kirchberg ist ein solcher Ort, war schon den alten Germanen eine heilige Stätte. Und als christliche Kirchen gebaut wurden, fand hier eine der ersten ihren Platz - vielleicht schon im 8. Jahrhundert. An solcher Stätte wurde auch Gericht gehalten. Eine Urkunde von 1237 spricht von dem Zentgericht auf dem Kirchberg, dieselbe Urkunde, die auch eine ecclesia, eine Kirche erwähnt.

Die Kirche, die jetzt auf dem Kirchberg steht, stammt aus dem Jahre 1495. Die Zahl ist mit der damals üblichen Form der 4 und der 5  über dem Haupteingang im Westen eingemeisselt. Über der Zahl sieht man das Wappen der Herren von Schabe (mit dem Schabeisen), der einstigen Besitzer der unteren Burg in Staufenberg, die bis 1492 das Patronat über die Kirche innehatten. Ihr Patronatsrecht ging damals an die Landesfürsten über. Ob dieser Wechsel mit dem drei Jahre später begonnenen Bau der Kirche zusammenhing, ist nicht überliefert. Kein Zweifel aber, dass die v. Schabe an dem Kirchenbau in erster Linie beteiligt waren, sonst hätte ihr Wappen nicht hier über dem Eingang Platz gefunden.
Diese neue Kirche von 1495 ist ein Bauwerk eigener Art. Sie ist zweischiffig, hat ein Hauptschiff und ein nur wenig schmaleres, gleich hohes Seitenschiff im Norden. Beide Schiffe sind mit Kreuzgewölben überdeckt. Das Hauptschiff setzt sich nach Osten zu in einem etwas breiteren Chore fort, der - von einem Netzgewölbe überspannt - mit drei Seiten des Achtecks schließt. Eine wundervolle Kirche! In der ganzen Umgebung - von Wetzlar und Marburg abgesehen - ist keine, die ihr gleichkommt. Sie könnte aber noch viel schöner sein, wenn sie von den Schäden befreit würde, die die Rücksichtslosigkeit späterer Jahrhunderte und die Verwahrlosung der letzten Jahrzehnte ihr zugefügt haben. Schon vor dem Kriege trugen sich die Gemeinden, die zum Kirchspiel gehören, mit dem Gedanken, die Kirche wieder instandzusetzen. Jetzt will man an die Ausführung gehen.
Einen leidlich ungetrübten Eindruck von der Schönheit des Innenraumes gibt nur der Blick gegen Westen: man sieht die drei runden Säulen schlank in den Raume sich erheben und aus ihnen unvermittelt ohne Kapitell (Die in der Abbildung sichtbaren Abschlusslinien sind gemalt und wären besser fortgeblieben) die Rippen des
Gewölbes sich lösen. Kein Gurtbogen trennt die Schiffe oder die Joche wie bei älteren Kirchen des Mittelalters, die Scheitellinien des Rappen laufen nicht auf und ab, sondern liegen waagrecht, das ganze Gewölbe ist als einheitliche Decke anzusehen, gleichmäßig durch die Rippen aufgetreilt. Wenden wir den Blick nach Osten in den Chor hinein, so sind wir freilich enttäuscht. Dass man die Orgel angesichts der Gemeinde aufstellte, war von jeher protestantischer Brauch. Der Chor als Altarraum hatte ja ohnehin nicht mehr die Bedeutung, die ihm in katholischer Zeit zukam. Und da die Orgeln bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein ausnamslos ein prachtvolles Gehäuse aufweisen, kann man in vielen Kirchen die Verdeckung des mittelalterlichen Chores verschmerzen, denn alte Kunst wurde durch neuere, gute Kunst ersetzt. Hier in Kirchberg kann man es nicht - hier nicht, wo die Einheitlichkeit des Raumes, die Chor und Schiff zusammen bilden, durch aufdringliche Einbauten wirklich gestört wird. Man denke sich im Chor Empore und Orgel beseitigt, man vergegenwärtige sich das Bild, das dann entsteht, wie schön die Malwerke der Fenster, die Rippen und Kappen des Gewölbe in Erscheinung treten würden - und man bringe dieses Bild zusammen mit dem Bilde des Schiffes, das wir vorhin betrachtet haben - welch herrlicher, einheitlicher Raum entsteht dann vor unseren Augen!
Wohlgemerkt, der Raum ist die Hauptsache. Der Raum als solcher war auch den Baumeistern jener künstlerisch so hochstehenden Zeit das Wesentliche, nicht die Einzelform, nicht die Kapitelle, Konsolen, Malwerke, Schlusssteine usw., obwohl auch alles das in jener Zeit selbstverständlich gut, ja sehr gut war, wo es zur Anwendung kam. Deshalb sind ja die Schiffe gleich hoch und fast auch gleich breit, deshalb ist das Gewölbe so einheitlich gleichmäßig, sind die Säulen so einfach und ruhig, damit der Raum zur Wirkung komme. Und wenn wir nun als das Wesentliche dieser Baukunst die Raumbildung erfassen, so gilt es bei einer Instandsetzung in erster Linie, den alten schönen Raum wieder zur Geltung zu bringen. Hier hat es das Glück gefügt - was selten ist - dass seit der Entstehung der Kirche, seit 1495, außer den leicht zu beseitigenden Emporen keinerlei Um- oder Einbauten oder Erweiterungen den alten Raum geändert haben. Ist es nicht Pflicht, ihn so rein als möglich, so frei, als die Zweckbestimmung es irgend zulässt herzustellen?

Die Schönheit, die Erhabenheit architektonischer Räume ist nicht für jeden leicht zu fassen, obwohl ihre Wirkung immer unbewusst empfunden wird. Häufiger ist das Verständnis schon für Einzelformen, noch häufiger das Interesse für geschichtliche Denkmäler. Darum möge sich jeder entsetzen, der die Kirche besucht, mit welcher Brutalität die Orgelempore durch die großen, reichen Grabsteine hindurchschneidet, so daß die oberen Stücke jenseits des Emporenfußbodens hinter den Brüstungen verborgen bleiben. Es sind Steine riesigen Formats, gesetzt zur Erinnerung an Glieder der Familien zu Rolshausen, von Ehringshausen, von Rabeheusen, von Schwalbach, diese noch aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg, und dann Steine derer von Gelle und von Düring auf Friedelhausen, aus dem 18. Jahrhundert. Alle sind von geschichtlicher und von kunstgeschichtlicher Bedeutung, die derartig zu unterdrücken wir Nachkommen kein Recht haben.

Aus allen diesen Gründen sei die Forderung erhoben, dass der Chor der Kirche von Empore und Orgel befreit werde. Im Schiff lassen die Emporen sich nicht beseitigen, weil sie nötig sind, um die Zahl der Kirchgänger aufzunehmen; sie beeinträchtigen auch die Wirkung des Raumes bei weitem nicht so sehr wie die Einbauten im Chor.

Ein anderer Platz aber für die Orgel lässt sich finden - und die Kosten für den Abbruch und die Neuaufstellung sind gering, können gegenüber den Kosten, die die übrige Instandsetzung erfordert, gar nicht in Betracht kommen. Werfen wir noch einen Blick auf das Äußere der Kirche. Freuen wir uns, dass die schönen Malwerke der Fenster noch erhalten sind! Das ist nicht immer der Fall. Die sog. Zeit der Aufklärung wollte auch Licht in die Kirchen bringen und hat deshalb - zumal an den Landkirchen - mit Vorliebe die Malwerke herausgebrochen, und zwar in rohester Weise. Auch an den Fenstern unserer Kirche ist manches geschehen, über dessen Kühnheit man sich wundern muss, wie z.B. die Verlängerung der Fenster am Chor nach unten zu, die mit der Absicht geschah, Licht unter die Orgelempore zu bringen.

Am auffallendsten ist der Turm. Zunächst seine Stellung in der Mitte vor der Südseite, dort, wo Schiff und Kirche zusammenstoßen. Im Grundriss ist der Turm rechteckig, nicht quadratisch, und seine Umfassungsmauern sind von verschiedener Stärke. Jedenfalls ist er nicht gleichzeitig mit Schiff und Chor erbaut im Jahre 1495, sondern rührt von einer älteren Kirche her. Bei dem Neubau sollte er verwertet werden, und daraus ist wohl auch der Anlass zur zweischiffigen Anlage herzuleiten. Aber ihn so hoch zu führen wie die anderen Türme des Landes, und wie es zur Größe der Kirche gepasst hätte, mag wohl die Schwäche der Mauern versagt haben. So erklärt sich seine geringe Höhe, seine Gedrungenheit. Hier auf dem Kirchberg wäre gewiss ein hochtragender Trum, der weit in das Lahntal aufwärts und abwärts geschaut hätte, am Platz gewesen.

Und doch! Jede Eigenart bietet erhöhten Reiz, und wir wollen dem Baumeister von 1495 nicht zürnen, der unter dem Druck der Verhältnisse zu der nun vorliegenden Gestalt einer  zweischiffigen Kirche mit Turm an der Längsseite sich entschlossen hatte, die gerade wegen ihrer Eigenart, wegen ihrer Schönheit des Innenraumes und aller Teile, die sie enthält, und wegen der seltenen Unversehrtheit in der sie uns überliefert ist, im würdigem Zustand dauernd zu erhalten, doppeltes Gebot ist.
Quelle: Heimat im Bild, Beilage zum Gießener Anzeiger, Jahrgang 1925 Nr. 1